The project Dear stool, shall we try again? was held by Prof. Kurt Mehnert, Fritz Specht and Dustin Jessen at the Folkwang University of the Arts in the summer term 2024. The results of the course were documented in an eponymous publication, which can be downloaded here.
Dear stool, shall we try again?
Prof. Kurt Mehnert, Dustin Jessen & Fritz Specht, 2024
Sollen wir es noch einmal versuchen? Die Frage stellt sich, wenn man einer Beziehung, in der alles gesagt und getan zu sein scheint, noch eine Chance geben will, weil sie vertraut ist, weil da vielleicht noch was kommt und weil es ohne einander irgendwie auch nicht geht. So ging es uns mit dem Hocker – ein Objekt, zu dem aus gestalterischer Sicht alles gesagt und getan zu sein scheint, dessen Design aber noch einmal zur Aufgabe gemacht werden kann, weil jede Generation ihre eigenen Antworten darauf finden wird. Es gestalterisch noch einmal zu versuchen, kann – und dies geschieht außerordentlich selten – auch verneint werden. Entweder weil dem zu gestaltenden Gegenstand keine Zukunft prognostiziert wird oder weil die bereits existierenden Dinge so überzeugend sind, dass deren Umgestaltung überflüssig erscheint. Der erneute gestalterische Versuch birgt das vermeintliche Risiko, nichts Neues mehr zu entdecken und Bekanntes zu wiederholen. Während Gestaltung gemeinhin mit Veränderung verbunden wird, wird das Bewahren nur selten als gestalterischer Akt verstanden, dabei ist es gleichermaßen wichtig. Die Gestaltung und Erhaltung des physischen Alltags ist eine Kulturtechnik, die wir unseren Studierenden auf ganz basaler Ebene immer wieder neu vermitteln wollen. Und wir sind davon überzeugt, dass die Beziehungen zu alltäglichen Objekten nur dann von Bedeutung sind, wenn jemand zuvor durch das Entwerfen in Beziehung zu dem Gestaltungsgegenstand getreten ist und sich Gedanken dazu gemacht hat, warum diese Zeit genau diese Form brauchen könnte. Um dieses In-Beziehung-treten zu ermöglichen, haben wir einen engen Projektrahmen gesteckt: Mit einfachen Nadelholzbrettern, Dübeln, Schrauben und ggf. ein paar weiteren Halbzeugen sollten die Studierenden innerhalb einer Woche zu einem Entwurf gelangen. Dadurch sollte der Raum der abstrakten Idee schnell verlassen und in Kontakt mit der Wirklichkeit getreten werden: Wie verhält sich das Material, welche Konstruktionen sind sinnvoll, wie sitzt es sich darauf? Selbst wenn bei diesem Experiment alle 18 Studierenden bereits existierende Entwürfe reproduziert hätten – was nicht passiert ist –, hätten sie noch immer viel gelernt! In der Designlehre kann das Reproduzieren ein äußerst probates Mittel sein, um Dinge – im doppelten Sinne – zu begreifen und nachzuvollziehen. Auch in der professionellen Designpraxis gilt es stets abzuwägen, inwieweit etablierte Pfade fortgeführt oder neue erkundet werden sollen. Der italienische Designer Enzo Mari lieferte mit seinem 1974 veröffentlichten Buch Autoprogettazione nicht nur Blaupausen zum Nachbau seiner Möbel, sondern auch eine Vorlage für unsere Lehrveranstaltung. 50 Jahre später ist sein Ansatz, Menschen zu ermächtigen, mit kostengünstigen Materialien und einfachen Mitteln den Bau von Möbeln selbst in die Hand zu nehmen, noch immer aktuell. Dieses Konzept ist insofern eine Besonderheit, als dass die Entwurfszeichnung direkt vom Designer zum Nutzer wandert, statt die vielen Stationen von Produktion, Logistik, Marketing und Vertrieb zu durchlaufen. Diese Art der Ökonomie ist sicher kein Modell, um im großen Maßstab die Bedürfnisse der Menschheit zu befriedigen, kann aber für diejenigen, die sich freiwillig und bewusst darauf einlassen, eine bereichernde Erfahrung darstellen. Denn in einer zunehmend arbeitsteilig strukturierten und globalisierten Welt, weiß das Individuum nur noch wenig über die Entstehung der Dinge, die es alltäglich umgibt und gebraucht. So eröffnet die augenscheinlich triviale Aufgabe einen Hocker aus handelsüblichen Baustoffen zu gestalten, sehr unmittelbare materielle Erfahrungen, die im Idealfall Erkenntnisse zur Verfasstheit und Gestaltbarkeit der Welt nach sich ziehen. Letztlich fanden unsere Studierenden beim Wandern auf den Pfaden Enzo Maris neue Abzweigungen und unbetretenes Land und es entstanden zahlreiche Hocker, die zugleich vertraut und dennoch ungewöhnlich erscheinen, weil eben jede Generation ihre eigenen Antworten findet. Wenn Sie die Entwürfe begreifen und gestalterisch nachvollziehen wollen, reproduzieren Sie doch mal einen der Hocker. Wir sind uns sicher, dass dabei eine Beziehung entstehen wird, die von Dauer ist.







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